Tauchen einmal anders

Wer kennt das nicht: Alle Mann rein ins Boot, Platz gesucht. Es folgt eine mehr oder minder lange Anfahrt zu den Tauchgründen. Alle Mann von Bord, jeder will der erste sein. Unter Wasser geht dann das Gedrängel weiter.
Kurz gesagt: Tauch-Massen-Tourismus, bar jeder Individualität, geklontes Pressluftatmen, gepresst auf Boote, zugegeben ein Solidaritätsereignis unter dem Motto : Guten Tag, mein Name ist Thomas, schön Dich zu spüren.....
Nun soll es aber Taucher geben, denen es widerstrebt, das vom Vortaucher aufgewirbelte Sediment schlucken zu müssen, oder die vielleicht ein wenig zu stolz sind einzugestehen, das sie aufgrund dieser schaukelnden Dingern, genannt Tauchboote, den Fischen manchmal eine extra Portion Futter zukommen lassen.
Egal, aus welchen Gründen auch immer, wir waren auf der Suche nach Tauchen wann, wo, wie und vor allem ohne wen ich wollte, als mir Bernd ein befreundeter Tauchlehrer von den Mountain Divers mit diesem Leuchten in den Augen von einem Trip in den Niederländischen Antillen vorschwärmte, wo das Tauchen vom Ufer direkt aus möglich sei und volle Tauchboote daher ein Fremdwort sind. Und wir wussten auf Anhieb, dieses Leuchten würde wieder ein tiefes Loch in unsere Taschen reißen.
Aber sei’s drum, spare in der Not, dann hast Du Zeit dazu, die nächsten Nachforschungen brachten ein Ziel immer näher: Bonaire, Niederländische Antillen.
Als Ende November die ersten Schneeflocken fielen und das Tauchen in den heimischen Bergseen immer ungemütlicher werden ließen, bestiegen wir bewaffnet mit viel Gepäck und noch mehr guter Laune den Flieger nach den Niederlanden in Übersee.

Die Insel

Beim Anflug auf die für Jumbos geeignete, ca. 2,5 Kilometer lange Piste des Flamingo Airports fielen mir zwei Dinge auf: Die ruhige See und der relativ rasche Farbwechsel vom Ufer ausgehend, welcher die Riffkante markierte.
Die 10 mal 40 Kilometer große Insel und das umgebende Korallen-Riff sind vor 70 Millionen Jahren infolge vulkanischer Aktivität dem Meer erwachsen. Es gibt keine Flüsse auf der Insel, also ein weiterer Garant in Sachen klarer Unterwassersicht.
Die Insel selbst ist in Ihrer Struktur in etwa dreigeteilt. Im Nordwesten der Washington-Slagbaai-Park. Hier wurden ehemalige Aloe-Plantagen zwischen sanften Hügeln in liebevoller Weise für auch für den Nicht-Taucher erhalten, restauriert und gepflegt. Flamingos, Papageien und eine Vielzahl von verschiedenen Pflanzen- und Kakteenarten locken Überwasser-Besucher genauso an, wie die in Ufernähe befindlichen Korallenfelder die Schnorchler. Auch befinden sich hier einige der schönsten Tauchgründe.
Das Zentrum der Insel selbst besteht aus einer Ebene, in der sich der Hauptteil der ca. 11.000 Insulaner in 2 Städtchen niedergelassen hat.
Der Süden besteht aus Salzpfannen an deren Nordende die schon von weiten sichtbaren eindrucksvollen Salzberge aufgetürmt sind.
Die anfängliche Angst, auf der von oben recht karg erscheinenden Insel in vier Wochen dem Inselkoller zu erliegen, sollte sich angesichts der vielen Erkundungsmöglichkeiten bald als völlig unbegründet erweisen.

Bonaire Marine Park

Im Wesentlichen ist es den Pionieren Captain Don Stuart und Peter Hughes zu verdanken das Bonaire ein relativ ungestörtes und unzerstörtes Ökologisches Riff System besitzt.
Lange bevor das Riff zum Unterwasser-Naturschutzpark im Jahre 1979 erklärt wurde sorgten sie und andere Wegbereiter dafür, dass beim Ankern vorsichtig vorgegangen wurde, die Verwendung von Harpunen verboten wurde und der Schaden der Taucher am Riff auf diese Weise auf ein Minimum beschränkt wurden.
Später wurden feste Bojen installiert und es ist heute verboten im Riff selbst zu ankern.
Es gibt glücklicherweise wenige Auflagen. Das Umweltbewusstsein aller Taucher ist erstaunlicherweise sehr hoch. Dafür sorgen nicht zuletzt die Vorträge der legendären Dee Scarr, einer Tauchpionieren die allwöchentlich Ihre Diashow "Touch the Sea" in einer Weise präsentiert, dass jedes wasserscheue Individuum zum Meeresbewohner werden lässt.
Jeder Taucher muss nur einige wenige Regeln befolgen. So ist es beispielsweise nicht erlaubt etwas vom Riff zu entfernen, sei es tot oder lebendig und es wird spezielles Augenmerk auf das Tarieren gelegt. Zu diesem Zweck wird fast jeden Tag an einer anderen Tauchbasis ein sog. "Advanced Buoyancy Control Work Shop", also ein spezieller Tarierkurs veranstaltet. Jeder Taucher kann kostenlos daran teilnehmen. Hier können auch alte Tauchhasen von den Guides und Lehrern noch jede Menge in Sachen Tarieren lernen.
Dies wäre auch für andere Tauchbasen in alle Welt vorbildlich, zumal kursbegleitend kostenlos Unterlagen erhältlich sind.
Die einzigen Kosten für das Tauchen im Marine-Park bestehen im Erwerb der Taucherlaubnis mit 10 US-Dollar.
Diese schmucke Plakette muss sichtbar an der Weste getragen werden. Sie ist ein Jahr gültig und hilft den Park den nachfolgenden Tauchgenerationen zu erhalten.

Tauchen auf Bonaire

Bonaire und seine kleine Schwester, Klein Bonaire werden vollständig von einem wundervoll bewachsenen Riff umgeben.
Es liegt abseits der Hurricane Zone. In Unfernähe ist das Wasser ca. 3 bis 5 Meter tief. Je nach Küstenabschnitt beginnt der Riffabhang 20 bis 120 Meter vom Ufer entfernt. An manchen Stellen erreicht das Riff eine Tiefe von ca. 70 Meter, jedoch reicht es meist nur bis 50 Meter, wobei die empfohlene Tauchtiefe nicht nur aus Gründen der Sicherheit 30 Meter selten übersteigt.
So ist es kein Problem alle Schönheit von Unterwasser-Flora und Fauna innerhalb der Nullzeit zu genießen. Auch hier werden keinerlei Vorschriften gemacht, was ich persönlich als sehr angenehm empfunden habe. Die Mentalität der Dive Guides und Instructors gesteht dem Taucher Eigenverantwortlichkeit zu. Für die ganz Unbelehrbaren und Glücklosen steht jedoch eine Dekompressionskammer zur Verfügung.
Der Riffabhang bietet jedwede Variation von flach bis Steilwand. An manchen Stellen ist schon die Uferregion mit diversen Korallenformationen geschmückt, was in besonderem Maße die Schnorchler in den letzten Jahren anlockt. Hier warten Flundern, Muränen, Barracudas, Pufferfische, Kofferfische und Papageienfische auf den Taucher ohne Pressluft.
Mit Pressluft versehen ist gerade für den ambitionierten Unterwasser-fotografen das Riff ein Leckerbissen. Nicht umsonst findet jedes Jahr der "Nikonos Shoot-out" hier statt.

Die insgesamt ca. 70 Tauchplätze rund um Bonaire bieten einen einfachen bis moderaten Schwierigkeitsgrad und sind bis auf einige wenige Ausnahmen allesamt mit dem Fahrzeug zu erreichen. Klein Bonaire ist jedoch nur mittels Boot erreichbar. Jedoch sind 10 bis 20 Minuten Fahrzeit über das ruhige Wasser kein Problem.
Strömungstauchgänge sind hier eine Seltenheit so dass eine Strömung mit 1 bis 2 Meter pro Sekunde auf Bonaire als stark gelten.

Das "unlimited Shore diving", also das Tauchen vom Strand aus ist genau das richtige für Individualisten. Also Tauchen bis zum Abwinken.
Zu diesem Zweck gibt für weniger als 20.- US-Dollar einen hervorragenden Tauchführer, in dem die meisten Tauchplätze detailliert beschrieben werden. Morgens belädt man also sein Dive Car, sucht sich einen Tauchplatz und sollte zufällig schon ein Boot oder andere Taucher dort im Wasser sein, wählt man einfach den nächsten.
Die meisten dieser beschriebenen Tauchplatze liegen auf der Leeseite der Insel, jedoch bieten Tauchbasen Exkursion auf der Luvseite der Insel an, unter dem Motto "take a dive on the wild side". Hier wird etwas für den ambitionierten Taucher geboten. 50-60 Meter Sicht, Steilwände, Wracks, Rochen nach Quadratmeter, Schildkröten nach dem Dutzend und Lobster nach Kilo sind hier angesagt. Es werden auch Kurse angeboten um das Tauchen von Ufer aus bei Wellengang sicher zu erlernen. Die einzige Einschränkung in dem unlimitierten Tauchvergnügen von Bonaire ist folgendes. Wer lediglich Großfische sehen will, ist auf Bonaire fehl am Platze. Diese sind in wesentlich geringerer Zahl vorhanden als auf den Malediven. Im Folgenden möchte ich einige "unserer" Lieblingstauchplätze in Kürze vorstellen.

Playa Funghi

Im Washington Slagbaai Park gelegen, bietet es sowohl für den Schnorchler als auch für den Taucher Ungewöhnliches. Große Felder von Elchkorallen machen diesen Platz zur Nummer eins für Schnorchler. Wer sich in den Film "Die Tiefe" versetzt wissen will, muss hier tauchen, denn hier sahen wir eine grüne Muräne die den Tauchbuddy wie einen deutschen Vorgartenzwerg erscheinen ließ.
Insgesamt wird dieser Platz recht wenig betaucht, so dass hier alles noch recht ursprünglich ist.

Town Pier

Bei Nacht ein Muss. Gibt der Hafenmeister sein o. K. kann man hier bis ca. 9 Meter Tiefe einen unglaublichen Bewuchs der Pontons zwischen denen sich allerlei Krustentier tummelt, quasi in sich aufsaugen. Für den Makrophotografen ein Eldorado. Die zahllosen Autoreifen am Grund dienen Muränen und mancherlei anderem Getier als Versteck und schmälern das Erlebnis keineswegs.

Klein Bonaire

Nur mit dem Boot zu erreichen, sind hier ca. ein Dutzend fest verankerte Tauchplätze, die von Zeit zu Zeit verlegt werden um dem Riff Gelegenheit zur Erholung zu geben. Neben Krötenfischen, Seepferdchen und vielen großen Barschen ist der Bewuchs äußerst sehenswert.

The Valleys

Eine Ost-Küsten-Spezialität für den Erfahrenen. Bei Sonnenaufgang kommen die Rochen zur Nahrungssuche in Ufernähe. Von der Landschaft unvergleichlich schön taucht man in ca. 15 Meter über Berge und Täler, wobei jedes Tal Überraschungen parat hält. Allerdings ist der Zugang oft durch hohe Wellen verwehrt.

Karpata

Durch einen Kanal in den Elchkorallen erreicht man die Riffkante nahe am Ufer. Man taucht an der alten Wasserleitung ab und nach rechts, denn links ist ein kleiner Teil des Naturparkes für den Touristen gesperrt. Am ca. 60 Grad steilen Abhang findet man neben gefleckten Muränen und Engelfischen wundervoll überwachsene Anker und großartige Röhrenschwämme.
Insgesamt sind die Tauchgänge vom Ufer aus eher unkompliziert und einfach, so dass auch Anfänger hier durchaus unvergessliche und sichere Tauchgänge machen können.

The Jammer

Um die Jahrhundertwende ist vor der Küste vor Bonaire in einem der seltenen Stürme ein Teerlaster gesunken. Da dieser bei ca. 60 Meter liegt, wird er nur extrem selten betaucht und zudem ist die Lage sehr versteckt. Das Wrack liegt auf der Seite und der Teer ergießt sich wie wellenförmige Locken aus dem Wrack auf den Meeresbooden. Die Tiefe, das Wrack und der wundeschöne Bewuchs lassen diesen Tauchgang zu einer mystischen Grenzwerfahrung werden. Wo das Wrack jedoch zu finden ist, tja da müsst Ihr mich schon noch mal nach Bonaire mitnehmen, dann zeig ich’s Euch .......

Reiseinfo

Zum tropischen Wetter braucht man keine Information. Im November gibt es eine kurze Regensaison, was ein Problem mit Mücken bedeuten kann. Ab 15. Dezember klettern die Preise mit der Wintersaison zum Teil recht empfindlich. Unterkünfte nach amerikanischem Vorbild beinhalten kein Frühstück und sind meist Apartments. Im günstigsten Fall kostet ein Apartment 30.- US Dollar für 2 Personen. 50-70.- Dollar sind die Regel. Selbstverpfleger kommen finanziell am besten davon.
Beliebt und am günstigsten ist das Dive Car, ein Minibus der ca. 30.- US am Tag kostet. Das Benzin ist angenehm billig und der Verbrauch ist niedrig, so dass man sich in alte deutsche Zeiten versetzt sieht. Extra Unfallversicherung nicht vergessen.
Bei einer Lufttemperatur von ca. 30 Grad und ca. 28 Grad Wassertemperatur ist ein 3 mm Neoprenanzug mehr als ausreichend.
Es gibt relativ große Unterschiede in den Preisvorstellungen der einzelnen Tauchbasen, so dass der Tag der Akklimatisation zum Preisvergleich sehr zu empfehlen ist.
6 Tage unlimitiertes Tauchen vom Ufer kostet zwischen 79.- und 110.- US-Dollar und beinhaltet ca. 12 Liter Alu Tanks, Blei und unlimitierte Füllungen. Din Adapter nicht vergessen.
Insgesamt steht die ganze Insel unter dem Motto "Tene Bonaire Limpi", haltet Bonaire sauber. Das Bewusstsein unter Wasser hat sich inzwischen auch aufs Land übertragen, so dass die Insel wesentlich sauberer ist als z.B. andere Karibische Inseln.

Zusammenfassung

Im Wandel der Zeit ist Bonaire durch seinen eigentümlichen Charme und die Möglichkeiten zum Kontakt mit der Natur nicht nur über Wasser vom traditionellen Tauchplatz für hartgesottene Taucher zu einer echten Urlaubsmöglichkeit auch für den weniger ambitionierten Taucher avanciert.
Wer also unlimitiertes Tauchen will, wählt Bonaire. Zur Auswahl stehen noch die anderen sog. ABC Inseln, nämlich Aruba und Curacaó. die Surfer und Strandratten kommen auf Aruba voll auf ihre Kosten und wer von allen ein bißchen möchte und zollfrei einkaufen will, für den ist Curacaó sehr empfehlenswert.

Bis im Dezember auf Bonaire also......