Gretchenfrage

Wer als HNO- Arzt und Tauchmediziner einen 3 wöchigen Urlaub unerkannt auf den Malediven verbringen möchte, hat keine Chance. Spätestens am 3 Tag gebietet das mitleidige Herz den einen oder anderen fachmännischen Handgriff zu tun. Somit sind alle Beteuerungen, man habe lediglich einen Fernkurs belegt, vergebens und man wird entlarvt.

Nach dieser Zeit hat man allerdings ca. 40 Freunde mehr in Form von Tauchern, die wegen Ohrproblemen behandelt werden mussten. Aus dieser Behandlungseintönigkeit heben sich "richtig wohltuend" einige andere medizinische Probleme, wie Muränen-bisse (Bitte nicht auf die Behausung setzen, das Tier bekommt dann Platzangst) oder Verletzungen der Malediver beim Fußball heraus.
Spätestens jetzt kommt jedoch die Frage auf, wo hier die Ursachen besagter Ohr-Problematik liegen. Zumal die Tauchbasisleiter von Ausfällen infolge Ohrproblemen auch auf anderen Inseln von ca. 60 % sprechen. Ähnliche Zahlen sind mir auch von anderen Tauchgründen her bekannt.
Aber kommen wir zum Kernpunkt unserer Betrachtung, der "Gretchenfrage": Wie behandle ich mein Ohr, um ungestört meinen Tauchgelüsten im Urlaub nachgehen zu können.
Erstaunlicherweise hält ein menschliches Ohr mehr aus als man denkt, überlegt man sich nur einmal, wie manche Taucher und auch Nicht-Taucher dieses so überaus komplexe menschliche Organ malträtieren.
Walkmann, auf volle Lautstärke, heftigster Druckausgleich, mit Haarnadeln werden die Gehörgänge frei gekratzt oder irgendwelche ominösen Lösungen werden hineingeträufelt.
Trotz allem oder gerade deswegen kommt es im Urlaub so manches Mal zu Ohrproblemen, die eine zeitweise Tauchpause befehligen und die Urlaubsfreude empfindlich stören, wenn man bedenkt, 3-5 Tage Pause vom Tauchen sind in 2 Wochen Urlaub immerhin 20-35 % der gesamten Urlaubszeit.

Die folgenden Betrachtungen sollen Ihnen helfen, Probleme gar nicht erst aufkommen zu lassen bzw. aufgetretene Probleme rasch in den Griff zu bekommen, wobei man sich darüber im Klaren sein muss, schriftliche Hinweise können vor Ort bei Problemen nicht den Fachmann ersetzen.

Vorbemerkungen

Der etwa 3 cm lange menschliche Gehörgang (GG) ist im äußeren Drittel knorpelig, die inneren 2 Drittel werden knöchern gebildet. Ausgekleidet ist er mit einer dünnen Haut, die nur im knorpeligen Anteil Talgdrüsen zur Bildung des so wichtigen Ohrenschmalzes besitzen. Im knöchernen Anteil ist sie fest mit der Knochenhaut verwachsen. Normalerweise ist das Milieu in einem gesunden GG sauer (Schutzfunktion), eine Verschiebung zur alkalischen Seite unterstützt Entzündungen. Solche Verschiebung wird leicht bei unsachgemäßen Manipulationen im Gehörgang bewirkt.
An dieser Stelle ein Wort zu den Wattestäbchen: Rein gefühlsmäßig manchmal eine wahre Wohltat im Gehörgang, nehmen diese jedoch den wichtigen Schutzfilm des GG weg und lassen ihn schutzlos zurück.
Ferner verletzen dabei eventuell vorhandene Schmutz-, Sand-, oder Salzpartikel die Haut im GG und bieten Keimen hervorragende Eintrittspforten. Der Taucher der nunmehr zum Schutze seiner Ohren auch noch Watte hineinstopft, schafft eine feuchte Kammer und züchtet höchst selbstverschuldet eine 1a Entzündung heran.

Phase I

Etwa 3 Wochen vor dem Urlaub sollten gerade diejenigen Taucher ihren HNO-Arzt aufsuchen, die zu vermehrter Schmalzbildung neigen oder aber bekanntermaßen anfällige Ohren besitzen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich auch mit den notwendigen Medikamenten versorgen.
Unter dem Mikroskop untersucht Ihr HNO-Arzt nun die Gehörgänge und wenn nötig, werden sie gereinigt und gepflegt. Die Verwendung eines Mikroskops stellt sicher, dass die so empfindliche Haut im Gehörgang nicht mehr als nötig traumatisiert wird. In den folgenden Wochen regeneriert sich der Schutzfilm und sollte vom Taucher selbst nicht mehr gestört werden.

Phase II

Im Urlaub selber auf Manipulationen am GG selbst unbedingt verzichten. Für empfindliche Taucher gilt: Sobald als möglich nach jedem Tauchgang den GG mit sauberem Trinkwasser (z. B. Mineralwasser) spülen. Zu diesem Zwecke entweder ein Glas um die Ohrmuschel herum halten und den Kopf schwenken oder eine Fahrradflasche vorsichtig verwenden.
Steht nur Regenwasser zur Verfügung, dies entsprechend mit Mikropur aufbereiten.
Anschließend eventuell den GG vorsichtig und schonend trocken föhnen. Wer empfindlichere GG hat, kann anschließend einen Tropfen dünnflüssiges Paraffinöl hinein geben um die Haut geschmeidig zu halten.

Phase III

Der GG juckt, evtl. treten leichte Schmerzen bei Zug am Ohr oder Druck auf den GG auf. Möglichst jetzt schon eine Inspektion des Ohres durch einen Arzt oder (wenn Medizinmann Mangelware) den Tauchlehrer oder Basisleiter, der oftmals autodidaktisch erstaunlich viel von Ohren versteht. Er entscheidet dann nötigenfalls über weitere Verfahrensweise.
Ist keine Inspektion möglich oder zeichnet sich eine Reizung des Gehörganges ab, kommen die sog. Ehm´schen Lösungen zum Einsatz oder man verwendet 50% herunterverdünnte Betaisadona Lösung (Danke Willi). Die Ehm´schen Lösungen sind Gemische aus Eisessig und Alkohol, welche den GG desinfizieren und das saure Milieu wieder herstellen sollen. Andere Mischungen wie z. B. die AGE-Tropfen verwenden als Inhaltstoffe Alkohol (A), Glycerin (G) und Essigsäure (E) im Verhältniss Spirit dilut 9,7, Glycerin 9,7 und Essigsäure 30% 0,6. Nach dieser Rezeptun kann jeder Apotheker diese Tropfen herstellen

Phase IV

Dies ist der Ernstfall. Bei meist noch funktionierendem Druckausgleich treten Schmerzen auch beim Kauen, Hörverlust, evtl. Sekretion aus dem zugeschwollenen GG auf.
Hier ist schnelle Hilfe wiederum durch einen Arzt oder eine andere kompetente Person nötig. Das Behandlungskonzept besteht aus zunächst abschwellenden Maßnahmen durch Einbringen eines Gaze Streifens in den GG der mit 70 % Alkohol getränkt ist. Alle Stunde wird er durch den Taucher selbst mit Alkohol befeuchtet. Dieser Streifen desinfiziert und die Schwellung nimmt rasch ab.
Gegen die Schmerzen werden bei Bedarf z. B. Benuron oder besser Voltaren bzw. Diclofenac verabreicht. Nach ca. 12-24 Stunden ist der GG so weit abgeschwollen, daß man den Streifen gegen eine Salbenstreifen (z.B. Polyspectran HC oder Jellin) oder antibiotikahaltigen Streifen (Ciloxan oder Floxal) auswechseln kann.
Orale Gabe von Antibiotika ist meist nicht nötig, außer wenn die Lymphknoten am Hals geschwollen und schmerzhaft sind oder Fieber auftritt.
Unter Urlaubsbedingungen ist meist nach wenigen Tagen das Tauchen mit diesem Therapiekonzept wieder möglich.

Anmerkung für Ärzte

Wir haben bei Abstrichen aus verschiedenen Gehörgängen von Tauchern und Tauchlehrern auf den Malediven oder am Roten Meer einen Problemkeim isoliert, der auch in der Klinik immer wieder Kopfzerbrechen bereitet.
Pseudomonas. Mit Ciloxan oder Floxal Augentropfen (ja, was gut fürs Auge ist, tut auch dem Ohre gut) sind rasch und sicher Erfolge zu erzielen. Jeder Apotheker kann aus der Infusionslösung haltbare Tropfen fertigen.
Nach primärer Therapie mit Alkoholstreifen kann bei Pseudomonasverdacht der Streifen mit Ciloxan getränkt werden. Einige Milliliter in eine sterile Spritze werden dem Patienten zur 2-4 stündlichen Selbstanwendung mitgegeben.

Für alle Apotheker hier noch die Rezeptur der Ehm´schen Lösung (Ehm, Tauchen noch sicherer S. 159):

Ac. acet. glac. (DAB 9) 5,0
Aqua dest. 10,0
Isopropylalkohol (95%) 85
oder
Ac. acetic 2,0 Alumin. acetic 2 % ad 20,0