Reflexion des Grauens - ein Urlaub auf den Kap Verden

Man hat auf mich im brasilianischen Urwald geschossen, ich bin mit dem Fallschirm über dem Nordpol abgesprungen, von einer Lawine in den Alpen mitgerissen worden und aus 150 Meter mit dem Gleitschirm in die Bäume abgeschmiert.
Aber wenn ich geglaubt habe, dass ich das Schlimmste schon hinter mir hätte, so bin ich einem Irrtum erlegen, wie ich nun nachfolgend schildern möchte. Denn all meine kleinen "Abenteuerle" sind auf den Kap Verden anläßlich eines Tauchurlaubes getoppt worden.
Vernehmen Sie also nachfolgend die Kunde von 4 Tauchern, die auszogen um das wahre Grauen kennen zu lernen.

Nach vielen Safaris, Höhlentauchkursen, Rereather, Nitrox und was es nicht noch alles für Kurse gibt, die wir schon absolviert hatten, wollten wir der Mähr eines Freundes folgend, sozusagen die S-Klasse unter den Tauchgründen ergründen. Die Kap Verden.
Eingestimmt durch Cesare Evora, dem Exportschlager numero uno, kamen wir frohen Mutes und voller Tauchenthusiasmus auf Insel 1 an. (Keine Namen bitte) Nach einer durchschwitzten Nacht zwischen, neben und mit allerlei Ungeziefer wie Kakerlaken und Bierdeckel großen Spinnen, besichtigten wir anderntags dann mitleidsvoll die von Deutschland vorab gebuchte "Tauchbasis". Leider war der Kompressor stark rostig und aus Gründen, der Strom sei für den Betrieb "momentan" nicht stark genug nicht in Betrieb. Engpässe, versteht sich, wir nickten verständnisvoll und versuchten nicht zu mitleidsvoll zu schauen.
Es waren allerdings noch etliche 12 Liter Pressluft-Fläschchen mit 160 bar Maximum vorhanden. Das Schlauchboot sei zufällig auch gerade defekt (Engpass??), dafür aber war eine rote, leicht überdimensionierte Plastikbadewanne, genannt Boot mit Außenborder vorhanden, die sich noch als gefährliche Waffe outen sollte. Sofern der notwendige einheimische Bootsführer kam oder auch zu spät (take it easy, eigentlich nur bekannt auf Jamaika) wurden wir, nein besser mussten wir uns selbst mitsamt unserer Ausrüstung auf besagtes Boot in der Dünung verbringen was an sich schon eine morgendliche sportliche Höchstleistung darstellt, denn der Weg über den Sand war weit, die Sonne stach und die Wellen schlugen hoch. Aber getreu der bayerischen Abenteurer Einstellung, nie zu murren, bewältigten wir diese erste, wie wir später feststellen mussten, noch geringste Hürde mit Bravour.
Die Fahrt war kabbelig, der Tauchgang aber sehr schön, wenn auch nur innerhalb der Bucht, der Safety Stopp mit dem Surge war lustig, weniger lustig das an Bord Kommen. Danach eigentlich sehr störend waren nur die postwendend einstellenden Kopfschmerzen gewesen, die wir jedoch auf den Jet lag schoben...... Der zweite Tauchgang war unter denselben Kautelen, beim Auflesen der Taucher fuhr der anscheinend blinde Tauchführer mit der roten Badenwanne über meine Freundin, die jetzt meine Frau ist, hinweg, aber das hat nix gemacht, sie ist hart im nehmen, sonst wäre sie damals schon nicht mehr bei mir geblieben.
Etwas spanisch kam uns dann doch vor, als beim Entladen das gesamte Boot mit Ausrüstung auf die Freundin meines besten Freundes kippte und diese fast ertränkte, aber sie ist Schweizerin, die sind auch hart im Nehmen, und geheiratet haben die beiden auch später. Das wir alle 4 nach dem Tauchgang erneut höllische Kopfschmerzen litten, spornte lediglich unseren detektivischen Spürsinn an und nur unserem Geruchssinn war dann die eindeutige Diagnose zu verdanken: Schlechte, ölhaltige Luft in den Flaschen. Wie wir herausfanden, kam das davon, dass die Flaschen zum Füllen über die halbe Insel transportiert werden mussten (Sie erinnern sich, der Stromengpass) um neben dem Hafen gefüllt zu werden, wo halt Dieseldämpfe die ansonsten reine kapverdianische Luft schwängerten. Aber der Tauchguide hatte ja viel schlimmere Kopfschmerzen, das hat uns dann versöhnt.

Nach insgesamt zwei zermürbenden Tagen hatte mein allerbester Freund Jörg aus der Schweiz dann ein Vision, wahrscheinlich von der schlechten Luft und wir haben die Insel mit dem Flugzeug fluchtartig verlassen, bevor einer von uns noch ernstlichen Schaden hätte nehmen können. Eigeninitiative war nun der Slogan. Und so trudelten wir auf Insel 2 ein, loggten uns ohne check von irgendwas in der dortigen Tauchbasis ein. Oh Wunder wie klein doch die Tauchwelt ist, kannte ich den einen Tauchguide- und Lehrer von einem Urzeit-Tauchurlaub auf Mallorca, als ich noch grün hinter den Kiemen war. Schon damals bezeichnete er sich bezeichnenderweise als "Tauchbeibringer". Nomen est omen.

Abermals mussten wir hier wieder unsere Kampftauchererfahrung unter Beweis stellen. Die Boote waren größer, dafür aus Gummi, nicht rot, sondern schwarz und der Motor stärker, die Ausfahrt länger, die Flaschen dafür kleiner, 10 Literchen, die Tauchgänge aber zum Ausgleich dafür tiefer, viel tiefer.

Exemplarisch möchte ich hier nun 3 der vielen unserigen Tauchgänge beschreiben, wobei ich die echt dufte fand, so mit Sicht und Panorama und so. Dass ich vor den völlig fehlenden Sicherheitsvorkehrungen, wie der geneigte Leser diese gerne im Urlaub hätte, und ich eigentlich auch, meine blauen Äuglein verschlossen habe, möge man mir angesichts der duften Tauchgänge verzeihen.

Also nun zu Tauchgang Nummer 1: Der hatte Höllenströmung, man musste sich am Ankerseil hinabhangeln, weil nämlich bei ca. 50 Meter ein strömungsgeschützter Überhang kam, "da musste drunter und tauchste entlang", wie unser "Tauchbeibringer" betonte, "wenn die Luft zu Ende geht, tauchste an die Kante auf, dort erfasst dich die Strömung und bläst Dich ans Seil zurück, das greiftse dann und gut festhalten, dann wieder Hochhangeln. Wennste die Leine vefehlst, kommste in Brasilien an," (O-Ton Tauchbeibringer) Geografisch gesehen war diese Aussage eigentlich nicht ganz korrekt, aber mein Portugiesisch ist leidlich, so hätte ich denn gegen einen kleinen Besuch in Rio nix einzuwenden gehabt.
Super, nach diesem sog. Briefing (rein, runter, rüber, hoch, raus) taten wir wie uns geheißen. Das mein allerbester Freund mit seinem etwas höheren Luftverbrauch vor dem Tauchgang nach einer größeren Flasche bettelte, wurde geflissentlich ignoriert. Als Ausgleich haben wir dann seine out of air Zeichen nicht ignoriert und ihn in Gottes Namen halt an den Oktopus genommen als sein Fini noch 18 bar zeigte. Ist doch kollegial, oder.
Facit: Sicht super, tolles Riff, viele Fische, klasse Tauchgang.

Nummer 2 ging bergschafmässig kraxelnd an die Uferkante, wo man (frau) genau dann über dieselbe springen muss wenn der Tidenhub das Wasser an die Flossen schwappen lässt, sonst schwappt im Gegenzug der Magen hoch wenn man ins Leere springt und das 2-3 meter tiefer gelegene Wasser aufprallt. Die Sicht und das einfallende Licht in der Höhle sind irre, das Austauchen in die Nebenbucht zur vorher vom Guide verprochenen Strickleiter, wir waren sehr froh, das die wenigstens da war, war auch wunderschön. Dass meine Fingerchen zwischen Leitersprossen und Fels ein bisschen geklemmt wurden war halt bitter und das meine Freundin mit 160 cm und 45 Kilo ein wenig Hilfe brauchte war doch halb so schlimm, oder. Wir sind ja schließlich Gentleman und helfen doch gerne mal dem schwachen Geschlecht aus, wenn schon die Einheimischen nichts unversucht gelassen hatten, um unsere Frauen ins Jenseits zu befördern.

Tauchgang 3 war wieder etwas für die Herzhaften unter uns Jüngern der Pressluft. Nach einer Fahrt über die Insel mit viel Sand kamen wir an einen entlegenen oder verlassenen Fischereihafen an, wo uns Haie satt versprochen worden war.
In memoriam Hans Hass, der das nämlich auch früher so gemacht hat, haben wir uns ein Fischerboot inclusive Fischer, Fischer´s Töchterlein und unsäglichem Fischgeruch gechartert. Zu diesem gustatorischen Großereignis kam dann noch das Frühstück des Fischers Töchterleins hinzu, die unbedingt uns Exoten begleiten musste, aber nicht so ganz seefest war, hinzu.... Die Arme lag dann ganz grün auf der Taurolle im Bug und gab nix von sich, außer ihr Frühstück natürlich.
Am "Hot-Spot" angekommen, die Wellen flach, das Wasser tiefgrün, wie die Gesichtsfarbe des Fischers Töchterlein, ließ sich unser Tauchbeibringer elegant und rückwärts ins Wasser plumpsen um die Strömung und Sicht zu checken, sehr löblich fanden wir das. Nur der Motor erstarb just nach seinem Abtauchen und war zunächst nicht mehr zum Leben zu erwecken. Glücklicherweise tauchte er wieder in Ruf und Sichtweite auf, wir erfuhren dann: "Starke Strömung, schlechte Sicht." (O-Ton Tauchbeibringer).
Seinem heldenhaften Befehl "sofort zu ihm zu stoßen" ignorierten wir jedoch geflissentlich, so dass wir umgehend und lautstark der Meuterei bezichtigt wurden. Die Lage entspannte sich jedoch drastisch, als der schwitzende Kapitän seinen hüstelnden 3 PS Motor wieder flott bekam und wir endlich von der sich inzwischen steuerbordseitig drohend näherkommenden Steilküste wegkamen, hin zu unserem Guide. Der darauf folgenden Tauchgang an diesem Hot-Spot (besser Blind-Spot) bleibt mir deswegen unvergessen, weil wir absolut nichts gesehen haben. Außer tief liegende Felsen natürlich um die wir rumgespült wurden. Aber so ist halt das Tauchen, zumindest manchmal auf den Kap Verden, man kann halt nicht immer einen Walhai und 7 Mantas um einen rumtanzen haben.

Und die Moral von der Tauchreise: Nach einer Woche waren wir wieder daheim, lebendig und wohlbehalten und mit einem Sack voll neuer Erfahrungen. Jetzt sind wir viel, viel klüger und außerdem haben wir eine Original CD von Cesare Evora. Und das wichtigste war, uns ist nichts passiert, zumindest nichts Ernstes oder Bleibendes. Ein Bekannter von mir will jetzt auf den Kap Verden eine Tauchbasis eröffnen.... Ich glaub ich brauch mal wieder ein richtiges Abenteuer, so mit allen Unwägbarkeiten und echten Räuberpistolen. Ich fürchte aber vielleicht wird das wieder einer dieser langweiligen Tauchurlaube, wo einem die Flaschen an Bord gebracht werden und man nach dem Tauchgang auch noch einen warmen Tee serviert bekommt.

Tja, das Tauchen auf den Kap Verden ist in der Tat phänomenal. Nicht gewusst wo, sondern gewusst mit wem, denke ich mal.
Als Fazit muss ich sagen, die Kap Verden haben mich mit Sicherheit nicht zum letzten Male gesehen. Und meine Freundin, die inzwischen meine Frau geworden ist, denkt genauso. Auf jeden Fall würde es halt jetzt im Fall der Fälle mit der Lebensversicherung einfacher sein.